Viele Wege führen ins homeLE!

Jeder kennt diese Kreuzungen im Leben, an denen man nicht umhin kommt, eine Entscheidung zu treffen: Links oder rechts? Man wählt aus ohne zu wissen, ob´s richtig war, denn die andere Option ist Geschichte. Als nun der ERGO Blog Award am Wegesrand auftauchte, musste ich ihn einfach mitnehmen. Erzähl, wie du "Dein Weg" gefunden hast und wenn mir die Geschichte gefällt, unterstütze ich dein Projekt mit nett Kohle, versprach er. Was ein Angebot! Von daher versuche ich mich jetzt mal als Pfadfinder. Holt euch vorher noch nen Kaffee, denn dieser Weg ist was länger. ;-)

Ein unschlagbares Team bereits für´s Abenteuer.
Ein unschlagbares Team bereits für´s Abenteuer.

Nur noch raus hier. Ab nach Hause durch den Regen, im Dunkeln. Ich fahr nicht gern abends und schon gar nicht fast im Blindflug mit 130 über die Autobahn, aber an diesem Tag Mitte Februar passte die Tagesform perfekt zu meinem Innenleben. Hinter mir lag gerade mal der erste von fünf Seminartagen als potenzielle Babyfotografin für ein Chemnitzer Unternehmen in einem Leipziger Krankenhaus, doch ich hatte die Nase schon gestrichen voll. 

Egal wie familienfreundlich das Unternehmen vorgab zu sein, mein schlechtes Gewissen gegenüber meinem Sohn fraß mich schon jetzt auf. Denn während ich mich kilometerweise Leipzig näherte, wurde er gerade von meiner Mitbewohnerin ins Bett gebracht. Sowas ist in unserer Mama-WG selbstverständlich, das mit dem Kümmern um den Zwerg der Anderen, denn deshalb sind wir

zusammen gezogen, aber so würde es die ganze Woche und künftig immer öfter sein, wollte ich diesem neuen Job und seinen sprunghaften Arbeitszeiten gerecht werden. Auf Höhe Kohren Salis  warf ich ihn deshalb raus. Wir passten einfach nicht zusammen.

"Ich mach´s nicht!", simste ich meiner Mama kurz darauf und konnte plötzlich sehr gut schlafen - ohne Bauchschmerzen und erleichtert, eine grundlegende Entscheidung getroffen zu haben. Feierabend mit Bewerbungen auf feste Stellen und Vorstellungsgespräche, die zu nichts führten, weil Single-Mamas für Personaler ungefähr so attraktiv sind wie der Gedanke an eine Weisheitszahn-OP. 

Mein Weg: Gepflastert mit ganz verschiedenen Erfahrungen und Ideen.
Mein Weg: Gepflastert mit ganz verschiedenen Erfahrungen und Ideen.

Dann mach ich halt mein eigenes Ding... wie schon so oft in meinem Leben, das wunderbar als Off-Road-Parcours für Motocross-Spezialisten taugen würde. Neu anfangen "kann" ich mittlerweile, denn Neustarts ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Biographie. Ich hab mich mit 15, allein und ohne Social Media in den USA durchgebissen, bin an einem Wirtschafts-Studium gescheitert und daraufhin nach Köln gezogen, um "was mit Medien" zu machen, habe mich für ein Praktikum in Indien entschieden, weil es spannend klang, aber vor allem, weil Google mir versicherte, dass dort Salsa getanzt wird und stellte damit unbewusst die Weichen für jenes Ereignis Jahre später, das mich zur Mutter eines wunderbaren Jungen machte und zurück nach Leipzig führte. Doch ein schließbarer Kreis irgendwie, bloß mit Ecken und Kanten. 

Doch auch wenn ich zu den wagemutigen Menschen zähle und mich vor allem meine insgesamt zwei Jahre in Indien gelehrt haben, dass aus nichts die tollsten Dinge entstehen können, brauchte ich eine ganze Weile, bis ich mir selbst zutraute, den ersten Schritt Richtung eigenes Unternehmen zu gehen. Vor allem, da hiervon gleich zwei Leben abhingen. Noch jetzt, wenn ich diese Worte schreibe, fühlt es sich ein bisschen so an, als würde ich von jemand anderem erzählen. Denn ich war nie so eine Anzug-Tante mit Dollarzeichen in den Augen, die mit Rentabilitäten und Liquiditäten jongliert. Ja, Kopfrechnen mag ich und feilschen auf dem Flohmarkt auch, aber waren das tragfähige Indizien für eine Unternehmer-Persönlichkeit? 

Und was wollte ich überhaupt unternehmen? Die Antwort darauf hatte während der Elternzeit und den stundenlangen Spaziergängen mit Kinderwagen in meinem Kopf zu gären begonnen. Ein Café! Na großartig, wie innovativ, ich weiß, aber ja, ich gehöre zur Fraktion der Kaffeeliebhaber und Gemütlich-im-Schaufenster-Sitzer, ohne jedoch der romantischen Vorstellung zu erliegen, damit den Stein der Weisen neu erfinden zu können. Doch ein möglichst bequemer Stein könnte ein Anfang sein, wenn es im ganzen Stadtteil keinen Ort gibt, an dem sich jeder mit Wunsch nach sozialer Interaktion begleitet von einem köstlichen Käffchen treffen kann. Marktlücke nennt man das wohl.

Liebe!!! So ein Siebträgermaschinchen wird das Herzstück des homeLE.
Liebe!!! So ein Siebträgermaschinchen wird das Herzstück des homeLE.

Aber genau aus dem gleichen Grund, weshalb der liebe Gott 40 Wochen für die Produktion eines kleinen Menschleins veranschlagt hat, ging ich auch mit meiner Geschäftsidee monatelang schwanger, ohne das sich viel tat: Ich musste mich selbst erst mit dem Gedanken anfreunden und mir klar werden, wohin die Reise gehen sollte. Hier und da erzählte ich jemandem davon, suchte halbherzig nach einer passenden Location, doch im Kopf hatte der Film noch nicht angefangen zu laufen - bis zu diesem Tag Mitte Februar, als "De Höhner" mit Leibeskräften: "Wenn nicht jetzt, wann dann?" schmetterten. 

Ich hatte kein riesiges Startkapital, kein Team aus Leuten oder (zum Glück) eine Ahnung, wie vielfältig die Formulare der deutschen Behörden sind, aber ich hatte Bock auf dieses Abenteuer. Um diesen großen Schritt für alle sichtbar zu machen und als Legitimation für mich selbst, startete ich Ende Februar diesen Blog unter www.ich-grün.de und überlegte, womit ich meinen Weg pflastern wollte. Denn wenn ich schon mein eigenes Unternehmen startete, dann sollte es so sein wie ich und aus den Elementen bestehen, die mich ausmachen. Also was familienfreundlich-interkulturell-gemütlich-tanzbar-koffeinhaltig-kreativ-offen-buntes mit jeder Menge Raum für eigene und fremde Ideen auf einer Straße, die lange genug Dornröschen gespielt hat. Meine Motivation: In erster Linie purer Eigennutz, denn ich wollte mir einen Ort schaffen, an dem ich sehr gerne, sehr viele Stunden verbringe, wo ich auf Menschen treffe, die ähnlich ticken wie ich und mit denen ich mich gerne umgebe. Ein Ort, der für alle Neu-Leipziger das wird, was das Salsa tanzen für mich in Köln, Indien und auch Leipzig war: Ein Türöffner zu lokalen Kontakten, Begegnungen, Freunden. Mein Café homeLE!

Parallel zur Bastelei am Businessplan begann ich an meinen Netzwerk zu stricken, denn wenn ich schon kein finanzielles Netz mit doppeltem Boden hatte, musste die soziale Variante so stabil und eng gewebt sein, dass sie mich im Ernstfall vor der totalen Katastrophe bewahren können konnte. Wenn viele von mir wussten und es im Optimalfall auch gut hießen, was ich da tat, würden sie mir vielleicht Schützenhilfe leisten, sollte es hart auf hart kommen, so meine Logik.

Aus den ersten "Wie kann ich Ihnen helfen?"-Gesprächen bei IHK, Stadt und Initiativen entsprangen neue Anregungen und Kontakte mit anderen Sichtweisen und wiederum interessanten Menschen in ihrem Umfeld, die mich auf vielfältige Weise inspirierten. Ich kam mir wirklich vor wie ein Pfadfinder auf Schnitzeljagd und wuchs langsam in meine neue Rolle hinein. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich komplett und hundertprozentig in eigener Sache unterwegs. Meine Meinung brauchte keiner fremden Unternehmensphilosophie zu entsprechen, von wegen Loyalität und so, sondern durfte hundertprozentig für sich stehen. Ein grandioses Gefühl und mein Antrieb, immer weiter und weiter dieses Projekt voran zu treiben.

Das war noch alles gut, in der alten Location.
Das war noch alles gut, in der alten Location.

Meine Begeisterung und mein Tatendrang blieben nicht ohne Folgen. Eine Location für mein Café fand sich, der Vermieter war begeistert, der Vorabcheck der Hygiene-Leute ging unkompliziert über die Bühne. Alles im Fluss - auch auf Inventarseite, denn durch einen Aufruf bei Facebook an alle mit zu vielen Tassen im Schrank sammelten sich im Nu Möbel und Geschirr mit Geschichten. Die lokalen Medien berichteten über mein Projekt und ich blickte freudig der Eröffnung am 5. September entgegen - bis zum 3. Juli! Ein heißer Hochsommertag, der "Geh baden!" schon morgens um 6 schrie und mir eine Mail vom Eigentümer bescherte. "Das Objekt steht Ihnen nicht mehr zur Verfügung..." Im ersten Moment hielt ich diese Ansage für einen schlechten Scherz, obwohl ich eigentlich wusste, dass sie sehr echt ist. Denn obwohl oberflächlich in den letzten Monaten alles glatt, zu glatt zu laufen schien, hatte ich seit einer ganzen Weile im wahrsten Sinne Bauchschmerzen. Ich, die mit dem indischen Magen. Ohne Mietvertrag in der Tasche, hatte ich mich allein auf sein Wort verlassen. Ihm vertraut und darauf gesetzt, das er sich an die Absprachen halten würde, denn die Schlüssel hatte ich, alle meine Möbel lagerten dort und überhaupt...

Im Video: Mein Weg in 13 Minuten

Schluss, aus, vorbei! Völlig unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, stürzte ich aus der Wohnung und fuhr los. Nur raus, weg, an den See, abtauchen. Ich war so wütend, so verletzt und gleichzeitig so fassungslos, dass die Laune einer einzelnen Person mein Werk zum einstürzen bringen kann. So ein Ar..! Und nu? Hockte ich auf meinem Handtuch und starrte auf´s Wasser. Ringsrum ausgelassenes Sommerfeeling und in meinem Kopf die große Leere. Verdammt und doch so typisch, denn in meinem Leben habe ich zwar schon vieles erreicht, aber nie ohne vorherige Extraschleife, Umweg über den hinterletzten Trampfelpfad oder Vollbremsung bei 180. Herzlichen Dank auch!

Ich überlegte kurz, mich am nächsten Morgen einfach beim Supermarkt um die Ecke als Kassenkraft zu bewerben. Das kann man in Teilzeit machen, das hat Hand und Fuß und bringt regelmäßiges Geld. Nur um diese Idee direkt wieder abzuschütteln, denn die Reaktionen im meinem Umfeld ob der Hiobsbotschaft gaben mir neuen Auftrieb. Mein mit viel Liebe in den letzten Monaten geknüpftes Netzwerk machte einen grandiosen Job, Es fing mich nicht nur auf und streichelte mir mitleidsvoll über den Kopf, sondern es zeigte mir auf vielfältige Weise, dass ich im Moment vielleicht im Straßengraben hing, aber die Marschrichtung an sich stimmte. Meine Familie, meine Freunde und Bekannten waren meine Pannenhelfer und führten mich innerhalb von einer Woche zu meiner neuen Location. Gleiche Straße, nur 76 Hausnummern weiter vorne und so ein Schätzchen, das ich mich direkt in seine alten Gründerzeitmauern verliebte. Ja, der Lack war ab, aber zeigt mir einen, an dem 110 Jahre spurlos vorbei gehen. 

In Arbeit...
In Arbeit...

Und so warf ich den 5. September kurzerhand über Bord und schob den Eröffnungstermin ein Stückchen weiter nach hinten. Das ist das Coole am Chef sein: Man kann sowas einfach ohne zu fragen machen! Und was sind schon knapp drei Monate bei einem Projekt, das mein Dreh- und Angelpunkt für die nächsten Jahr(zehnte) wird? 

Ich bin oft auf der Baustelle, freue mich über jede Trockenbauwand, frischen Putz an den Wänden und diese positive Atmosphäre, die dieses Gebäude ausfüllt. Ich glaube, ich war nie zuvor in meinem Leben so sicher, auf dem richtigen Weg zu sein, obwohl er unvorhersehbarer nicht sein könnte. Ich liebe, was ich tue und dieses neue Bild, zu dem sich viele Erfahrungen aus der Vergangenheit, Hobbys und Talente nun zusammenfügen.

So sieht er aus, mein Weg. Im Film würde man an dieser Stelle nun ein Auto zeigen, das auf schnurgerader Strecke einem kitschigen Sonnenuntergang entgegen fährt. Statt glattem Asphalt fände ich Kopfsteinpflaster für mich passender, aber ansonsten darf jetzt gern der Abspann laufen. Wie bei jedem guten Blockbuster sind die Teile 2 bis 5 nämlich schon in Arbeit - mindestens! ;-)

Wir sehen uns in meinem Café homeLE!

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